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Sklaven singen schöner

Matthias Beltz - Gute Nacht Europa, wo immer du auch bist, Goldmann, 2000

Der deutsche Terrorismus der RAF war auch Konzeptkunst.
Ihr Aktionen und Installationen sprechen nicht für sich, es
mußten immer noch Kommandoerklärungen abgegeben werden.
Eben typisch für die Konzeptualisten: Es reicht ihnen
nicht, etwas zu zeigen, es wird alles noch zusätzlich erklärt, weil
kein Vertrauen vorliegt in die eigene Kraft des Dargestellten.
Das gute alte Tafelbild braucht keinen Kommentar.
Die Konzeptguerilleros aber schienen zu ahnen, daß ihr Tun
nicht ganz geheuer war, daß niemand sich daran erfreute um der
Aktionen selbst willen. Damit war von vorneherein der große
Wurf der Freiheit ausgeschlossen. die RAF bestand aus Sklaven
ihres eigenen Konzepts Stadtguerilla. Manisch mußten sie eine
Performance an die andere reiben, um Leben ins Papier zu bringen
aber es hat nicht geklappt. Doch im Herbst 1997 hat die
RAF, nachdem sie sich später, im Frühjahr 1998, auch offiziell
aufgelöst hat, natürlich mit einem Bekennerschreiben, damit wir
auch was für unsere Unterlagen haben, diese RAF hatte im
Herbst zuvor noch eine große Retrospektive auf ihr Werk er-
halten, einen bunten Rückblick auf das Jahr 1977, in dem so
viele verrückte Fragen gestellt und so erstaunliche Antworten
gegeben worden waren.
Der Sklavencharakter der RAF erweist sich auch an der Wonne
einiger Mitglieder, nach dem Ausstieg aus dem bewaffneten
Kampf in der DDR zu überwintern, in der der große Sklavenhalter,
die Partei, sich um die Ernährung und die Heizung (Ich
habe im Winter in offiziellen Gebäuden der DDR nie gefroren,
es war fast immer zu heiß.) und die Einschränkung der Freiheit
kümmerte. Sklaverei ist wieder gefragt, oder warum jammern so viele alte Ossis nach der Diktatur, als es wenigstens noch Strenge und Strafe und Essen und trinken gab?
1992 zog der >Reichspolterabend< wieder einmal durch die
Republik. In diesem Horrorjahr brannten Ausländerheime, eine
Welle von militantem Rassismus führte allerlei Volks mit auf den
Wagen, das Asylrecht wurde durch Verfassungsänderung eingeschränkt nach dem Motto der christlichen Bundesregierung
>Deutschland den Deutschen!<
Da mußten wir eingreifen mit Wort und Sinn.

Meine Damen und Herren,
man hat mich mit sofortiger Wirkung
zum Reichskolonialbeauftragten z.b.V. ernannt. Ich nehme das
Amt an, um Schaden vom deutschen Volke zu wenden.
Man hört ja gegenwärtig,
daß viel Herzenskälte herrsche in Deutschland, auch von
Gemütskälte ist die Rede
gerade jetzt zu Beginn des Herbstes,
es wird geklagt auch darüber,
daß es keine Gemütlichkeit gebe.
Gemütlichkeit aber, meine Damen und Herren, stellt sich
nicht her
in den Frösten der zügellosen Freiheit,
Gemütlichkeit entsteht dort,
wo Menschen miteinander sind,
Gemeinschaft ist statt Gesellschaft,
wo der eine für den anderen denkt,
also in der Knechtschaft.
Führen wir darum auch in Deutschland die Sklaverei wieder ein.
wir kennen das aus der Kindheit --
Onkel Tom's Hütte, Vom Winde verweht, der Sarotti-Mohr --
das sind klare Verhältnisse und treusorgende Familienväter.
Nun, da kommt von Ihrer Seite noch nicht die Zustimmung,
die hier denkbar und gerechtfertigt wäre. NEIN! Da will
jemand Ihnen heutzutage die Sklaverei als neuestes Utopiesonderangebot verkaufen -- da fragen Sie doch mit Recht: Ist der
Mann besoffen? Oder spricht er für die Kirche?
Hier will jemand die Sklaverei in Deutschland wieder einführen, mein Gott, ist denn hier keine Polizei im Raum, die für
Ordnung sorgt?
Und damit sind wir bei unserem Thema: dem Staat.
Was ist der Staat? Wo kommt er her?
Wo geht er hin? Was macht er in der Zwischenzeit?
Der Staat selbst ist ja auch ein Ausländer
und kommt aus Griechenland und heißt dort Polis. Das Wort
>Polis< haben die Griechen
vom germanischen Polizei übernommen.
>Ordnung schaffen wie die Affen.<
Denn die Germanen lebten ja noch auf den Bäumen,
als die Griechen ihren Staat
schon auf dem Marktplatz Gassi führten.
Der Grieche aus Griechenland
funktioniert als Demokrat nur so lange,
wie es Sklaven gibt, die die Arbeit leisten,
die er nicht machen kann,
weil er abends zu politischen Terminen gehen muß.
Meine Damen und Herren, wie sieht's bei uns aus?
Jahrhundertelang das Land der Griechen mit der Seele
suchend,
haben wir es gefunden. Griechenland ist überall.
Vulkane brechen aus -- Hephaistos;
Flugzeuge stürzen ab -- Ikarus;
Autos irren ziellos durch die Gegend und belästigen Leitplanken - Odysseus;
der trojanische Islam steht vor der Tür - Gyros vom Pferd mit
Tsatsiki;
das alles zeigt doch,
daß die Demokratie am Ende ist.
Nur sind diesmal nicht die Herrschenden schuld, die da oben,
volkstümlich Schweine genannt. Nein, die sind ja harmlos,
und genau darum dreht das Volk doch durch,
weil sie so harmlos sind -
Harmlosigkeit, dein Name ist Bundespräsident.
Das ist doch furchtbar,
das möchte doch kein Mensch mehr länger sehn.
Demokratie ist Volksherrsehaft,
Schweinestall ohne Bauer,
Massentiere ohne Haltung.
Das Volk will über sich keinen Sklaven sehn
und unter sich keinen Herrn.
Und deshalb ist die Demokratie am Ende.
Nun könnte jemand daherkommen und sagen: Halt! -- Gut.
Er könnte das Argument verstärken, indem er sagt: Falsch! --
Auch nicht schlecht.
Er könnte ein drittes Argument hinzufügen, indem er
spricht:
Die Demokratie ist erst am Anfang! -- Das klingt pfiffig, das
klingt
wie mitgedacht, das ist naturgemäß Schwachsinn.
Denn, meine Damen und Herren,
wir haben ja viel zuviel Demokratie.
Abstimmen, urabstimmen. wählen, auswählen, abwählen,
antreten, zurücktreten - das ist Terror.
Auch die Opposition ist ein Elend,
schauen Sie sich die Damen und Herren
der Opposition doch einmal an,
dann wissen Sie,
das ist nicht Opposition, das ist Depression.
Nein, Mitbestimmung ist öde,
wir wollen mehr als nur dagegen sein.
Was wollen wir? -
Fressen, ficken, saufen, in Urlaub fahren und daß die Rente
sicher ist.
Damit sind wir bei den drei Säulen unserer Kultur: Hochzeit,
Mahlzeit und Freizeit.
Alle drei werden verbunden durch die Gemütlichkeit.
Darum sagt man ja auch in Deutschland, >Ein Prosit der
Gemütlichkeit<,
wenn man den Wesenskern des Grundgesetzes
zusammenfassen will.
Führen wir also aus verfassungsrechtlicben Gründen die Sklaverei
in Deutschland wieder ein. Auch im Interesse der Asylanten und anderen Ausländer.
Schauen Sie wenn es weltweit bekannt ist,
daß in Deutschland wieder die Sklaverei herrscht, wird sich
mancher überlegen,
ob er dann hierher kommt.
Derjenige aber, der kommt,
wird hier geschützt sein.
Denn der Sklave ist Eigentum seines Herrn,
und Eigentum verpflichtet und steht unter dem besonderen
Schutz des Grundgesetzes.
Wenn mir jemand meinen Sklaven anzündet, wird er sofort erschossen.
Führen wir also auch aus humanitären Erwägungen die Sklaverei in Deutschland wieder ein.
Nun stoßen Sie sich vielleicht noch ein wenig
an dem Namen Sklave,
das klingt nicht so schön,
erinnert auch ein wenig an das Wort >Slawe<.
sagen wir es einfach moderner.
sagen wir nicht >Sklave< sagen wir >Beamter<. Das ist es doch,
was wir eigentlich alle sein wollen: Protestbeamte auf Lebenzeit
mit staatlich bezuschußtem Zahnersatz.
Als Bundeskanzler Willy Brandt 1972
das Berufsverbot einführte,
hätte man sagen können:
Gut bestimmte Berufe gehören auch verboten.
Aber darum ging es ja damals gar nicht,
sondern die Leute haben gekämpft
gegen das Berufsverbot,
weil sie wieder dienen wollten,
dem Staate dienen wollten als Beamte.
Dieser Kampf wurde geführt mit einer großen Wut, die kam aus dem Bauch,
mein Bauch gehört mir,
das entspricht der Natur des Menschen,
der Eigenschaft des Leibes,
der Leibeigenschaft."