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Flüchtlingskinder

детей беженцев / Flüchtlingskinder / Refugee children 1915-16 Моисей Слепян (Majsiej Sliapian, 1872-1941)

Dagmar Nick - Flucht

Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind. Laß es liegen, es ist halb zerrissen. Häuser schwanken müde wie Kulissen durch den Wind.

Irgendjemand legt mir seine Hand in die meine, zieht mich fort und zittert. Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert, unbekannt.

Ob du auch so um dein Leben bangst? Alles andre ist schon fortgegeben. Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben, nur noch Angst.

Erstveröffentlichung durch Erich Kästner in Die Neue Zeitung (NZ), München, 1945

youtube

Prinz Chaos - Thränen des Vaterlandes

Text: Andreas Gryphius

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.


Dieter Hildebrandt - Überleben Sie mal

aus:
Was bleibt mir übrig | Anmerkungen zu (meinen) 30 Jahren Kabarett. | Texte 1961 -1964
Knaur | 1989 | ISBN: 9783426023846 94 / ~2000 :))

Überkleben Sie Plakate, Transparente, wo geschrieben steht, es ist nun alles aus. Überlassen Sie das bitte dem Talente, der Voraussicht unsrer Herrn im Bundeshaus. Übergeben Sie suspekte Elemente, die das sagen, der Verfassungspolizei. Auch der Untergang der Welt war eine Ente. Pazifismus ist nur leere Rederei. Weil alles halb so wild ist, wenn man nur recht im Bild ist. Weil man nur an geschmiert ist, wenn man nicht informiert ist. Weil alles halb so schwer ist, weil alles kein Malheur ist, weil jeder Amateur ist, der sich dabei empört.


Überheben Sie sich sämtlicher Bedenken, eine Bombe kostet nicht gleich jeden Kopp, und die Kirche sagt, der Herr wird sie schon lenken, und der lenkt sie in den Osten. Na und ob... sie aber über Oberammergau oder aber über Unterammergau, oder aber überhaupt nicht fällt, ist nicht gewiß.


BÜRGERIN: Der Mensch von heute soll nicht höher als höchstens im Hochparterre wohnen.
1. BÜRGER: Warum denn das?
BÜRGERIN: Je höher der Stand der Technik, um so tiefer muß der Mensch wohnen.
1. BÜRGER: Weswegen?
BÜRGERIN: Damit er's nicht so weit in den Keller hat.
2. BÜRGER: (Zieht ein Buch heraus.) »Eine moderne Fernrakete hat eine Geschwindigkeit Von 28 000 Stundenkilometern. Die Flugzeit von Bratislawa bis München würde also fünf Sekunden betragen.«
3. BÜRGER: Sagen Sie!
2. BÜRGER: Nein, sagt der Fachmann.
1. BÜRGER: Sie vergessen unser hochentwickeltes Warnsystem; es kann uns nichts passieren.
3. BÜRGER: Unser was?
1. BÜRGER: Warnsystem. (Zieht eine Broschüre heraus und liest.) »Bei einem drohenden Angriff wird die Bevölkerung durch den Rundfunk über die allgemeine Lage laufend unterrichtet.«
3. BÜRGER: Sagen Sie?
1. BÜRGER: Nein, sagt diese amtliche Broschüre.
3. BÜRGER: Moment, das möchte ich wissen. Ich gehe jetzt hinaus und bin die Rakete. Einer von Ihnen spielt den Bayerischen Rundfunk, und einer zählt von 21-25, und dann schlage ich ein. (Geht ab.)
2. BÜRGER: Ich bin der Bayerische Rundfunk.
BÜRGERIN: Und ich zähle bis 25. Alles fertig?
3. BÜRGER: (Von ganz weit hinten.) Fertig! Ich liege bereits auf der Abschußrampe!
BÜRGERIN: Einundzwanzig -- zweiund...
2. BÜRGER: Hier ist der Bayerische...
BÜRGERIN: zwanzig -- dreiund...
2. Bürger: Rundfunk.
BÜRGERIN: zwanzig -- vierund...
2. BÜRGER: Vor fünf Sek... (Alle stürzen mit einem Schrei von der Bühne. Die »Bombe« tritt auf.)
3. BÜRGER: Wo sind Sie denn?
2. BÜRGER: Im Keller!!
3. BÜRGER: Sie waren doch der Rundfunk. Sie müssen doch das Volk warnen?
2. BÜRGER: Und wer warnt mich? (Alle kommen langsam wieder auf die Bühne.)
3. BÜRGER: Das Frühwarnsystem funktioniert ganz toll, was? Und was sollte denn der Quatsch mit der Aktentasche? Warum haben Sie die über den Kopf gehalten, als ich einschlug?
BÜRGERIN: Das habe ich in der amtlichen Broschüre des Bundesinnenministeriums gelesen.
1. BÜRGER: Jawohl, Aktentaschen schützen gegen Strahlung und herabfallende Trümmer.
2. BÜRGER: (Schlägt sein Buch auf.) »Bei einer Oberflächenexplosion berührt der Feuerball die Erdoberfläche. Dabei werden Gestein, Erde und andere Materialien verdampft und in den Feuerball aufgesogen.«
BÜRGERIN: Und was sagt Ihre Broschüre?
1. BÜRGER: »Die Hitzestrahlung breitet sich mit ungeheurer Geschwindigkeit aus. Sie wirkt aber wegen ihrer kurzen Dauer nur auf die jeweils getroffene Oberfläche. In der Nähe schützen davor bereits Mauervorsprünge und größere Gegenstände.«
2. BÜRGER: Aktentaschen.
1. BÜRGER: Jawohl!
BÜRGERIN: Vielleicht sollte man noch was rein tun in die Aktentasche, dann schützt sie noch mehr.
2. BÜRGER: Ja, die Broschüre vom Innenministerium. (Er liest aus seinem Buch.) »Eine Wasserstoffbombe bewirkt nach den Erfahrungen von Bikini eine Verseuchung von 20 000 Quadratkilometern.«
1. BÜRGER: Unsinn! Da lese ich doch lieber die Broschüre! »Die sogenannte Anfangsstrahlung dauert etwa 60 Sekunden und reicht nie weiter als 3-5 Kilometer vom Explosionspunkt.«
BÜRGERIN: Wir wollten sowieso aufs Land ziehen.
1. BÜRGER: Tun Sie es nicht, denn in meiner Broschüre steht:** »Flucht bringt keine Rettung.«
ALLE: Ach soo?
1. BÜRGER: Ja. »Wer sich auf die Flucht begibt, kann nicht rechtzeitig gewarnt werden.«
2. BÜRGER: Vom Bayerischen Rundfunk! Überleben werden wir's auf alle Fälle, weil die Seele immer noch unsterblich ist. Keinen Fußbreit rückt der Deutsche von der Stelle, wie ihr alle noch vom letzten Krieg her wißt.


Überheben Sie sich sämtlicher Bedenken, eine Bombe kostet nicht gleich jeden Kopp. Und die Kirche sagt: Der Herr wird sie schon lenken, und der lenkt sie in den Osten, na und ob... sie aber über Unterpfaffenhofen oder aber über Oberpfaffenhofen oder aber ganz genau ins Altmühltal, ist fast egal.

BAP - Ein für allemohle

Album: Sonx, 2004 cover

 
Mai '42 wohr se sibbe, met Sommersprosse 'n blonde Hoor. Die »Dausend Bomber övver Kölle» wohrn eez dä Ahnfang, aff do Fass jede Naach Alarmsirene, fass jede Naach enn Duudesangs Met Mamm un Schwester un däm Kleine die Strooß erunder nohm Bunker jerannt, Off als et leechterloh brannt.

»En einzije Naach bloß un du häss ein für allemohle jeliert, Verschött enn 'nem Keller, wer sämpliche Kreeje sick jeher verliert.«

All die Pulsschlääsch em Stockdunkle, all dä Krach, all dä Jestank, All dä Stöbb enn Kinderlunge, all dä Rauch, all die Angs, All die Wunde, all die Träne, all dat Bloot un all dä Dreck, All die Duude ohne Name, zerfetz, verrenk un versengk, Die kräät se nie mieh verdrängk.

»En einzije Naach bloß un du häss ein für allemohle jeliert, Verschött enn 'nem Keller, wer sämpliche Kreeje sick jeher verliert.« Die Brosch met däm Anker nevve däm joldne Häzz, Rääts un links vun däm Krüzz, hatt ihre Bapp noch jescheck, Eh dat e' vermess wood, irj'ndwo'n enn der Normandie verreck, Jed'nfalls kohm dä nie zoröck, nä, dä kohm nie zoröck. »En einzije Naach bloß un du häss ein für allemohle jeliert, Verschött enn 'nem Keller, wer sämpliche Kreeje sick jeher verliert.«


Mai '42 war sie sieben, mit Sommersprossen und blondem Haar. Die »Tausend Bomber über Köln» waren erst der Anfang, ab da Fast jede Nacht Alarmsirenen, fast jede Nacht in Todesangst Mit Mutter, Schwester und dem Kleinen die Straße runter zum Bunker gerannt, Oft als es lichterloh brannte.

»Eine einzige Nacht bloß und du hast ein für allemal gelernt, Verschüttet im Keller, wer sämtliche Kriege seit jeher verliert.«

All die Pulsschläge im Stockdunkeln, all der Krach, all der Gestank, All der Staub in Kinderlungen, all der Rauch, all die Angst, All die Wunden, all die Tränen, all das Blut und all der Dreck, All die Toten ohne Namen, zerfetzt, verrenkt und versengt, Bekommt sie nie mehr verdrängt.

»Eine einzige Nacht bloß und du hast ein für allemal gelernt, Verschüttet im Keller, wer sämtliche Kriege seit jeher verliert.«

Die Brosche mit dem Anker neben dem goldenen Herz, Rechts und links von dem Kreuz, hat ihr Vater noch geschickt, Ehe er vermisst war, irgendwo in der Normandie verreckt, Jedenfalls kam er nie zurück, nein, der kam nie zurück. »Eine einzige Nacht bloß und du hast ein für allemal gelernt, Verschüttet im Keller, wer sämtliche Kriege seit jeher verliert.«

Lied des Friedens (aus Aserbajdzan)

Song of Peace (from Azerbaijan) aus: Wir wollen Frieden für alle Zeiten - Neue und alte Friedenslieder pläne | 1986 | ISBN: 9783885690078

Kommt laßt uns kämpfen in der ganzen Welt,
daß sie niemals, niemals in Schutt und Asche fällt.
Kommt mit, ihr Mütter, Väter, ihr Töchter und ihr Söhne,
und stimmt mit uns zusammen das Lied des Friedens an!

Asien, Afrika, wir reichen euch die Hand.
und dir, Amerika, unversöhntes Land.
Es kommt der Tag, da haben wir, Schwarze, Weiße und Gelbe,
von dieser Erde endlich das Kriegsgespenst verbannt.

Laßt tausend Tauben hell am Himmel stehn,
laßt aller Völker Friedensfahnen wehn,
laßt überall die Stimme der Wahrheit erklingen,
laßt diese stolze Melodie um die Erde gehn.

Musik und Text: Trad.
deutsche Nachdichtung von Jürgen Brockert und Olaf Cless

Joan Baez - With God on Our Side

Album: The First Ten Years, 1970 cover

Bob Dylan: Album: The Times They Are A Changin', 1964 cover

Oh my name it is nothin'
My age it means less
The country I come from
Is called the Midwest
I's taught and brought up there
The laws to abide
And that land that I live in
Has God on its side.

Oh the history books tell it
They tell it so well
The cavalries charged
The Indians fell
The cavalries charged
The Indians died
Oh the country was young
With God on its side.

Oh the Spanish-American
War had its day
And the Civil War too
Was soon laid away
And the names of the heroes
I's made to memorize
With guns in their hands
And God on their side.

Oh the First World War, boys
It closed out its fate
The reason for fighting
I never got straight
But I learned to accept it
Accept it with pride
For you don't count the dead
When God's on your side.

When the Second World War
Came to an end
We forgave the Germans
And we were friends
Though they murdered six million
In the ovens they fried
The Germans now too
Have God on their side.

I've learned to hate Russians
All through my whole life
If another war starts
It's them we must fight
To hate them and fear them
To run and to hide
And accept it all bravely
With God on my side.

But now we got weapons
Of the chemical dust
If fire them we're forced to
Then fire them we must
One push of the button
And a shot the world wide
And you never ask questions
When God's on your side.

In a many dark hour
I've been thinkin' about this
That Jesus Christ
Was betrayed by a kiss
But I can't think for you
You'll have to decide
Whether Judas Iscariot
Had God on his side.

So now as I'm leavin'
I'm weary as Hell
The confusion I'm feelin'
Ain't no tongue can tell
The words fill my head
And fall to the floor
If God's on our side
He'll stop the next war.

10 x IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT.

Wolfgang Borchert - An diesem Dienstag

aus: Das Gesamtwerk | Rowohlt | 1981 | ISBN: 9783498090272

An diesem Dienstag

Die Woche hat einen Dienstag.
Das Jahr ein halbes Hundert.
Der Krieg hat viele Dienstage.

An diesem Dienstag

übten sie in der Schule die großen Buchstaben. Die Lehrerin hatte eine Brille mit dicken Gläsern. Die hatten keinen Rand. Sie waren so dick, daß die Augen ganz leise aussahen.

Zweiundvierzig Mädchen saßen vor der schwarzen Tafel und schrieben mit großen Buchstaben:

DER ALTE FRITZ HATTE EINEN TRINKBECHER AUS BLECH. DIE DICKE BERTA SCHOSS BIS PARIS. IM KRIEGE SIND ALLE VÄTER SOLDAT.

Ulla kam mit der Zungenspitze bis an die Nase. Da stieß die Lehrerin sie an. Du hast Krieg mit ch geschrieben, Ulla. Krieg wird mit g geschrieben. G wie Grube. Wie oft habe ich das schon gesagt. Die Lehrerin nahm ein Buch und machte einen Haken hinter Ullas Namen. Zu morgen schreibst du den Satz zehnmal ab, schön sauber, verstehst du? Ja, sagte Ulla und dachte: Die mit ihrer Brille.

Auf dem Schulhof fraßen die Nebelkrähen das weggeworfene Brot. An diesem Dienstag

wurde Leutnant Ehlers zum Bataillonskommandeur befohlen. Sie müssen den roten Schal abnehmen, Herr Ehlers.

Herr Major?

Doch, Ehlers. In der Zweiten ist sowas nicht beliebt.

Ich komme in die zweite Kompanie?

Ja, und die lieben sowas nicht. Da kommen Sie nicht mit durch. Die Zweite ist an das Korrekte gewöhnt. Mit dem roten Schal läßt die Kompanie Sie glatt stehen. Hauptmann Hesse trug sowas nicht.

Ist Hesse verwundet?

Nee, er hat sich krank gemeldet. Fühlte sich nicht gut, sagte er. Seit er Hauptmann ist, ist er ein bißchen flau geworden, der Hesse. Versteh ich nicht. War sonst immer so korrekt. Na ja, Ehlers, sehen Sie zu, daß Sie mit der Kompanie fertig werden. Hesse hat die Leute gut erzogen. Und den Schal nehmen Sie ab, klar?

Türlich, Herr Major.

Und passen Sie auf, daß die Leute mit den Zigaretten vorsichtig sind. Da muß ja jedem anständigen Scharfschützen der Zeigefinger jucken, wenn er diese Glühwürmchen herumschwirren sieht. Vorige Woche hatten wir fünf Kopfschüsse. Also passen Sie ein bißchen auf, ja?

Jawohl, Herr Major.

Auf dem Wege zur zweiten Kompanie nahm Leutnant Ehlers den roten Schal ab. Er steckte eine Zigarette an. Kompanieführer Ehlers, sagte er laut.

Da schoß es.

An diesem Dienstag

sagte Herr Hansen zu Fräulein Severin:

Wir müssen dem Hesse auch mal wieder was schicken, Severinchen. Was zu rauchen, was zu knabbern. Ein bißchen Literatur. Ein Paar Handschuhe oder sowas. Die Jungens haben einen verdammt schlechten Winter draußen. Ich kenne das. Vielen Dank.

Hölderlin vielleicht, Herr Hansen?

Unsinn, Severinchen, Unsinn. Nein, ruhig ein bißchen freundlicher. Wilhelm Busch oder so. Hesse war doch mehr für das Leichte. Lacht doch gern, das wissen Sie doch. Mein Gott, Severinchen, was kann dieser Hesse lachen!

Ja, das kann er, sagte Fräulein Severin.

An diesem Dienstag

trugen sie Hauptmann Hesse auf einer Bahre in die Entlausungsanstalt. An der Tür war ein Schild:

OB GENERAL, OB GRENADIER:
DIE HAARE BLEIBEN HIER.

Er wurde geschoren. Der Sanitäter hatte lange dünne Finger. Wie Spinnenbeine. An den Knöcheln waren sie etwas gerötet. Sie rieben ihn mit etwas ab, das roch nach Apotheke. Dann fühlten die Spinnenbeine nach seinem Puls und schrieben in ein dickes Buch: Temperatur 41,6. Puls 116. Ohne Besinnung. Fleckfieberverdacht. Der Sanitäter machte das dicke Buch zu. Seuchenlazarett Smolensk stand da drauf. Und darunter: Vierzehnhundert Betten.

Die Träger nahmen die Bahre hoch. Auf der Treppe pendelte sein Kopf aus den Decken heraus und immer hin und her bei jeder Stufe. Und kurzgeschoren. Und dabei hatte er immer über die Russen gelacht. Der eine Träger hatte Schnupfen.

An diesem Dienstag

klingelte Frau Hesse bei ihrer Nachbarin. Als die Tür aufging, wedelte sie mit dem Brief. Er ist Hauptmann geworden. Hauptmann und Kompaniechef, schreibt er. Und sie haben über 40 Grad Kälte. Neun Tage hat der Brief gedauert. An Frau Hauptmann Hesse hat er oben drauf geschrieben.

Sie hielt den Brief hoch. Aber die Nachbarin sah nicht hin. 40 Grad Kälte, sagte sie, die armen Jungs. 40 Grad Kälte.

An diesem Dienstag

fragte der Oberfeldarzt den Chefarzt des Seuchenlazarettes Smolensk: Wieviel sind es jeden Tag?

Ein halbes Dutzend.

Scheußlich, sagte der Oberfeldarzt.

Ja, scheußlich, sagte der Chefarzt.

Dabei sahen sie sich nicht an.

An diesem Dienstag

spielten sie die Zauberflöte. Frau Hesse hatte sich die Lippen rot gemacht.

An diesem Dienstag

schrieb Schwester Elisabeth an ihre Eltern: Ohne Gott hält man das gar nicht durch. Aber als der Unterarzt kam, stand sie auf. Er ging so krumm, als trüge er ganz Rußland durch den Saal.

Soll ich ihm noch was geben? fragte die Schwester.

Nein, sagte der Unterarzt. Er sagte das so leise, als ob er sich schämte.

Dann trugen sie Hauptmann Hesse hinaus. Draußen polterte es. Die bumsen immer so. Warum können sie die Toten nicht langsam hinlegen. Jedesmal lassen sie sie so auf die Erde bumsen. Das sagte einer. Und sein Nachbar sang leise:

Zicke zacke juppheidi
Schneidig ist die Infanterie.

Der Unterarzt ging von Bett zu Bett. Jeden Tag. Tag und Nacht. Tagelang. Nächte durch. Krumm ging er. Er trug ganz Rußland durch den Saal. Draußen stolperten zwei Krankenträger mit einer leeren Bahre davon. Nummer 4, sagte der eine. Er hatte Schnupfen.

An diesem Dienstag

saß Ulla abends und malte in ihr Schreibheft mit großen Buchstaben:

IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT.
IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT.

Zehnmal schrieb sie das. Mit großen Buchstaben. Und Krieg mit G. Wie Grube.

Kai Degenhardt - Desertieren

Album: Briefe aus der Ebene, 2002 cover

Wenn das Schreien wilder Gänse durch die Sommernacht
meinen Traum zerreißt und ich lieg noch wach,
wie der Tagmond am Himmel die Sonne streift,
und auf dem Ast vorm Fenster aufgereiht,
selbst die Raben frieren.

Beim Geschwafel über Coolness und Verantwortung
auf allen Kanälen, jedem Podium
man den Vorteil preist und die Solidarität,
wenn die Fahnen knallen, wo kein Laufthauch geht,
werde ich desertieren.

Schmeiß die Gitarre ins Auto,
dreh die Fenster runter,
um dem Fahrtwind nachzuspüren.
Da ist nichts, was ich verlier.
In die Dämmerung hinein,
und wenn die Sonne morgen steigt
liegt die Grenze hinter mir.

Ich stehe neben P.T. vorm SuperU,
und erneure meinen Schwur
mit einem Schluck hinüber zur Champagne.
Ich ruhe mich aus am Fuß des Mont Ventoux
Für meine Tingeltangel-Tour
von der Provence in die Bretagne.

Ich spiel die Straßen
von Grasse bis St. Marie
die Hafenpromenaden
und den Place-de-la-Comédie.
Trink den schweren Roten
und Käse zum Dessert,
schlaf im Wagen, wenn der Mond scheint,
lieg ich draußen am Meer.

Bin desertiert.
Die Gitarre im Auto
und die Fenster unten,
riech ich wie das Wetter wird.
Da ist nichts was ich verlier.
In die Dämmerung hinein
und wenn die Sonne morgen steigt
liegt die Grenze weit hinter mir.

An meinen Off-Day im Katharer-Land
Schick ich an Mary einen Brief,
Lederstiefel to the one I love.
Fahre weiter über den Atlantikstrand,
lieg in den Dünen von Contis,
sitz in der Bar am Hafen von Roscoff,

Schreibe ein zwei Verse
zwischen Muscheln und Bier,
nehme die Fähre um drei,
setze über nach Rosslare.
Spiel meinen letzten Gig
in Hughe's Pub
ending up with Mary's Jig,
nehme die Coastroad und hau ab.

Ich bin desertiert.
Die Gitarre im Auto
und die Fenster unten,
riech ich wie das Wetter wird.
Da ist nichts, was ich verlier.
In die Dämmerung hinein,
und wenn die Sonne morgen steigt
liegt auch diese Grenze hinter mir.