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Buchcover

Finckenschläge, Herbig, 1967

Werner Finck - Es weht ein frischer Wind, zwei drei (1933)

Es weht ein frischer Wind, zwei drei,
Wir wollen wieder lachen,
Gebt dem Humor die Straße frei,
Jetzt muß auch der erwachen.

Der Löwe ist das Tier der Zeit,
Der Mars regiert die Stunde;
Doch die geliebte Heiterkeit
Geht langsam vor die Hunde.

Das aber soll dem Teufel nicht
und keiner Macht gelingen,
Uns um das inn're Gleichgewicht
Und um den Spaß zu bringen.

Drum laßt des Zwerchfells Grundgewalt
Am Trommelfell erklingen.
Wem das nicht paßt, der soll uns halt
Am Götz von Berlichingen.

(Geschrieben und gesprochen in der Katakombe, mußte später aus dem Programm entfernt weden)

Vorsicht, die Mandoline ist geladen - Deutsches Kabarett seit 1964
Fischer, 1971

Floh de Cologne - Aus dem »7. Programm« (1968)

»Wenn den Blinden das Astloch im Zaun stört
wenn Frau Schulze dem Minirock-Mädchen mal ordentlich den Hintern versohlen will
wenn Herr Schulze dem Langhaarigen mal gehörig den Marsch blasen will
wenn Frau Mayer den Studenten in ein Arbeitslager schicken will
wenn Frau Müller den Lustmörder lynchen will
wenn Herr Schmidt dem Rocker mal ordentlich eins in die Fresse hauen will
wenn Müllers Aggressionen Ruhe stiften
wenn Mayers Sadismus Ordnung schafft
wenn Schulzes Verdrängungen für Sitte und Anstand sorgen
wenn die eigenen verbotenen Träume durch Menschenopfer beschwört werden sollen
wenn die Moral ihre Lustmorde braucht, um sich zu rechtfertigen
wenn die lüsterne Beschreibung des Lustmords zugleich die Todesstrafe fordert
wenn die Sühne am Lustmord zur Lust am Mord wird
wenn sich also jemand für sein schlechtes Gewissen an anderen rächt, so geschieht Recht
wenn das Recht zum Recht auf Sadismus wird
dann ist Himmelfahrt
dann besuchen wir Kardinal Spellmann
sitzend zur Rechten Gottes
umringt von den amerikanischen Heerscharen
dann besuchen wir die Päpste
wenn sich die Hirten erheben
sitzend zur Linken Gottes
stapfen sie durch Milliarden
abgetriebener und verhungerter Kinder
Frau Müller, Sie haben die Erlaubnis,
den Lustmörder zu lynchen.
Wo fangen Sie an?
Frau Müller, wo fangen Sie an?
Frau Müller, wo fangen Sie an?
Würden Sie ihn zuerst nackt ausziehen?
Würden Sie ihn nackt ausziehen?
Frau Müller, an welcher Stelle fangen Sie an?
An welcher Stelle fangen Sie an?
Frau Müller, wo fangen Sie an
Herr Müller, es geht um die Freiheit.
Sie haben den Befehl, diesen Vietcong zu foltern.
Wo fangen Sie an?
Herr Müller, wo fangen Sie an?
Herr Müller, wo fangen Sie an?
Würden Sie ihn zuerst nackt ausziehen?
Würden Sie ihn nackt ausziehen?
Herr Müller, an welcher Stelle fangen Sie an?
An welcher Stelle fangen Sie an?
Herr Müller, wo fangen Sie an?

Heinrich Heine - Werke, Gedichte 1853 und 1854
R. Löwit Verlag, 1971

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Zeitungsmeldungen 1933

Zeitungsmeldungen

Jura Soyfer - Die Ordnung schuf der liebe Gott, Reclam,1977

Es braust ein Ruf wie dazumal
In allen deutschen Gauen!
Deutschlands Stationschef gibt Signal
Zur fröhlichen Fahrt ins Grauen.
Es gibt Spione, die Gift verstreun
Am Brunnen vor dem Tor.
Und gar in puncto >Wacht am Rhein< -
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
So ruhig wie nie zuvor!
Wir wollen uns siegreich ins Stahlbad stürzen!
Stammt diese Meldung vom Jahre vierzehn?
Fehlgeraten! Die Nachricht wird
Vom Jahre dreiunddreißig datiert.

Von neun guten Deutschen sind durchschnittlich acht
Soldaten, und der letzte,
Der für die Front nicht kommt in Betracht,
Der ist der Vorgesetzte ..
's ist höchste Zeit, daß die große Zeit
Über Deutschland komme!
Der gute Deutsche ist bereit
Zu kämpfen mit Beharrlichkeit
Um seinen Platz an der Somme!
Schwarzweißrot sind Fahnen und Schürzen ...
Stammt diese Nachricht vom Jahre vierzehn?
Fehlgeraten! Die Meldung wird
Vom Jahre dreiunddreißig datiert.

Der nationale Stiefel gellt
Im Rundfunk, auf der Straße!
Der Führer ruft hinaus in die Welt:
Der Freiheit eine Prügelgasse!
Man machte in Elbing zwei Rote kalt
(Man hat auf der Flucht sie erschossen),
Der eine lief weiter beim Zuruf: Halt!
Der andre (war schon doof und alt)
Blieb stehn wie angegossen ...
Stammt die Meldung vom Balkan?
Gestern kam sie aus Deutschland an ...

Es tönt aus dem Rundfunk zum erstenmal
Über Land und Stadt:
Schluß mit Faschismus und Kapital!
Am Wort ist das Proletariat!
Uns macht kein Friedensversprechen mehr dumm
Und kein Offiziersehrenwort!
Achtung, wir reißen das Steuer herum,
Die Menschlichkeit geht über Bord!

Würde die Meldung von achtzehn stammen,
Wären wir wie sie so hart
Gewesen, als wir an die Reihe kamen,
Hätten wir uns Herrn Hitler erspart ...

Genossen vom Reich! Wann ruft ihr Halt“!?
Datiert die Meldung auf möglichst bald!

Helmut Qualtinger - Im Prater blühen wieder die Bäume

Verlag Volk und Welt, 1977

Travnicek und die Wahl

Travnicek und sein Freund vor einer Plakatwand mit Wahlplakaten.
Freund: Was, Travnicek, machen Sie nächsten Sonntag?
Travnicek: Das hängt vom Wetter ab. Wann's schön is, fahr i weg, wann's regnet geh i ins Kino...
Freund: Aber Travnicek! Nächsten Sonntag - schauen Sie sich um! Was sehen Sie da?
Travnicek: Plakate - die schau i scho seit vier Wochen nimmer an.
Freund: Das eben, Travnicek, ist der Fehler! Nächsten Sonntag ist der Tag, wo Sie zur Urne schreiten sollen...
Travnicek: Was is da? A Begräbnis?
Freund: Aber! Wo Sie sich entscheiden sollen...
Travnicek: ...ob i wegfahr oder ins Kino geh...
Freund: Nein! Nächsten Sonntag geht der pflichtbewußte Staatsbürger zur Wahl.
Travnicek: Na ja, wann's regnet und er keine Kinokarten kriegt, kann er ja zur Wahl gehen.
Freund: Was, Travnicek, glauben Sie, weswegen Sie zur Wahl gehen?
Travnicek: Weil i an Zettel krieg.
Freund: Nein! Der Politiker braucht den Kontakt mit dem Volke. Durch diesen Zettel erfährt er, was Sie als Wähler von ihm halten.
Travnicek: Des kann i ihm auf'n Zettel aufschreiben?
Freund: Nein, dann ist er ungültig!
Travnicek: Also, was is des für a Kontakt?
Freund: Die abgegebenen Stimmen sagen den Politikern, was das Volk von ihnen hält.
Travnicek: Und das stört sie nicht?
Freund: Travnicek, stellen Sie sich vor, Sie sind Politiker und bekommen 500.000 Stimmen. Was würden Sie denken?
Travnicek: Ich würde mir denken, jetzt kann ich mir endlich eine Luxuslimousine kaufen.
Freund: Aber Travnicek, Sie haben diesen Leuten doch etwas versprochen. Und das müssen Sie jetzt halten.
Travnicek: Warum?
Freund: No, wenn Sie es nicht halten, wird man Sie nicht wieder wählen.
Travnicek: Das macht ja nichts. ich brauch ja nur eine Limousine.
Freund: Aber die Hunderttausende, die Ihnen ihr Vertrauen geschenkt haben!
Travnicek: Gehen'S, die wählen doch nicht zum ersten Mal.
Freund: Travnicek, Sie denken engstirnig! Stellen Sie sich vor, Sie gründen die Travnicek-Partei. Sie führen einen Wahlkampf! So wie die anderen Parteien. Sie stecken Millionen in die Propaganda, so wie die anderen!
Travnicek: Wann i des Geld hab, was sie für Propaganda ausgeben, pack i mei Partei z'samm und fahr an die Riviera.
Freund: Warum grad an die Riviera?
Travnicek: Na, nach Tibet werd i net fahren.
Freund: Sie sind kein Demokrat, Travnicek.
Travnicek: Des hat mir noch niemand gesagt... net amal unterm Hitler.
Freund: Damals war es auch keine Ehre.
Travnicek: und jetzt ist es eine Ehre?
Freund: Natürlich - die höchste Ehre! Sie genießen das freie aktive und passive Wahlrecht.
Travnicek: Das passive is mer lieber.
Freund: Also meinetwegen. Sie wollen sich wählen lassen. Welche Voraussetzungen bringen Sie für den Politiker mit?
Travnicek: Also schauen Sie - schauen Sie: es gibt Leute, die sagen, ich schau dem Kanzler ähnlich. Andere sagen, ich schau dem Vizekanzler ähnlich - also, ich schau aus wie die Koalition.
Freund: Sie stellen sich das so einfach vor. Wer soll Sie wählen?
Travnicek: Das ist natürlich eine Sache des Vertrauens.
Freund: Auf was herauf sollen die Leute Ihnen vertrauen?
Travnicek: Auf was herauf vertrauen's die anderen?
Freund: Na, die haben durch jahrelanges Regieren bewiesen, was sie können.
Travnicek: Na eben.
Freund: Und Sie kennt man ja nicht!
Travnicek: Laß i halt Fotos von mir machen.
Freund: Na ja. Das kostet aber sehr viel Geld. Was machen Sie, wenn Sie die Wahl verlieren?
Travnicek: Bleib i die Fotos schuldig.
Freund: Fotos sind das wenigste... Sie brauchen Ideen! Schauen Sie sich diese Plakate an! Da haben sich die besten Köpfe der Nation nächtelang damit geplagt.
Travnicek: Und das ist dabei herausgekommen?
Freund: Sie müssen die Propaganda nach ihrer Durchschlagskraft beurteilen! Sie brauchen Wahlparolen! Slogans! Was würden Sie für einen Slogan wählen?
Travnicek (nach langem Nachdenken): Parteien haben kurze Bei... nein ... wer einmal wählt ... eine Partei wäscht die an.... Morgenstunde hat Gold im Munde.
Freund: Das heißt doch nichts!
Travnicek: Hat aber Durchschlagskraft!
Freund: Eine Wahlparole muß doch etwas heißen!
Travnicek: Schauen S'Ihnen die anderen an. Die heißen aa nix.
Freund: Travnicek, die Überzeugungskraft eines Plakates kann die Entscheidung in der Wahlschlacht bringen.
Travnicek: Des hab i mir auch schon gedacht. Wenn der Klaus so durch die Straßen geht und a KP-Plakat siecht, wer weiß, was er dann wählt?
Freund: Theoretisch haben Sie recht. Er kann wählen, was er will. Es ist eine absolut freie und geheime Wahl.
Travnicek: I waaß. Jedesmal, wann i in der Wochenschau den Bundespräsident siech, wie er in die Zelle tritt, zitter i, was wird er wählen?
Freund: Bravo, Travnicek! Das ist Anteilnahme im richtigen Geiste!
Travnicek: Ja, aber ans stört mi. Wie kommt man dazu, daß ma am Sonntag kein Alkohol trinken kann?
Freund: Sie müssen ja nicht gerade am Sonntag trinken.
Travnicek: Aber grad an dem Sonntag hab i an Grund dazu.
Freund: Also, Travnicek, was werden Sie am Sonntag tun?
Travnicek (mit plötzlichem Einfall): Jetzt weiß ich's!
Freund: Fahren Sie aufs Land?
Travnicek: Naa!
Freund: Bravo! Gehen Sie ins Kino?
Travnicek: Aa net!
Freund: Ausgezeichnet! Also?
Travnicek: I kauf mir scho am Samstag zwa Liter Wein und sauf mi z'Haus an.
Freund (bestürzt): Na, und was machen Sie dann in der Wahlzelle?
Travnicek: Des is mei Wahlgeheimnis.

Kurt Tucholsky - Panter Tiger & Co
rororo, 1972

Karrieren

Et jibt Karrieren - die jehn durch den Hintern.
Die Leute kriechen bei die Vorgesetzten rin.
Da is et warm. Da kenn se ibawintern.
Da bleihm se denn ne Weile drin.
I, denken die - kein Neid! Wer hat, der hat.
Denn komm se raus. Denn sind se plötzlich wat.

Denn sind se plötzlich feine Herrn jeworden!
Denn kenn die de Kollejen jahnich mehr.
Vor Eifa wolln se jeden jleich amorden:
„Ich bün Ihr Vorjesetzta! Bütte sehr!"
Und jeda weeß doch, wie set ham jemacht!
Det wird so schnell vajessen ... Keena lacht.

Int Jejenteil.
Der sitzt noch nich drei Stunden
in seine neue Stellung drin -:

da hat sich schon n junger Mann jefunden,
der kriechtn wieda hinten rin!
Und wenn die janze Hose kracht:
weil mancha so Karriere macht.
Er hat det Ding jeschohm.
Nu sitzt a ehmt ohm.
Von oben frisch und munter
kuckt keena jerne runter.
Weil man so rasch vajißt,
wie man ruff,
wie man ruff,
wie man ruffjekommen ist -!

(Theobald Tiger, 1930)

Faria Faria Ho

Der Deutsche und sein >Zigeuner<,

Gerhard Polt im Scheibenwischer vom 15. April 1985:

Diese Wahrsagerei, des is a Domäne von diesen Zigeunern, da macht eahna koaner was vor. Des is a Domäne von dene. Des kommt meiner Meinung nach daher, die Vergangenheit war bei dene immer beschissen, fast infernalisch, in der Gegenwart is net viel los, also ham s' an Blick in die Zukunft gerichtet, wobei da meine Prognose a net grad rosig is, aber des wissen die selber, weil aufn Mitteleuropäer ist Verlaß, und des wissen die selber genauso, und drum verstehe ich nicht, wieso die sich nicht an unsere Verhältnisse hier anpassen. Schaun Sie, der Wolf ist früher durch ganz Mitteleuropa in Rudeln umhergestrichen, aber als Wolf hat man ihn halt derschossn, während der Schäferhund, also der Wolf in der gezähmten Form, bei uns eine hohe Akzeptanz genießt, also er ist praktisch wie a Wolf, aber er pariert, und trotzdem gspürt ma manchmal noch des wilde Tier in ihm. Also wenn diese Zigeuner in einer geordneten Form als Beamte oder so durch die Lande ziehen würden, kein Mensch würde da Anstoß nehmen. Schaun Sie, mir warn, meine Familie und ich, mir ham vor zwei Jahren so an Abenteuerurlaub gmacht. Mir san mit so am Schäferkarren, samma durch ganz Irland herumzigeunert, wie ma so sagt. Und uns hat kein Mensch behelligt. Allerdings, mir ham gültige Reisepässe dabeighabt, sodann an Euroscheck und an ADAC-Auslandsschutzbrief. Des war fei a herrliche Zeit. Mir ham immer gsunga: ,,Lustig ist das Zigeunerleben, brauchen dem Kaiser kein' Zins zu geben, faria faria ho". Sie kennen S' sicher. Des is eine innere Freiheit, des is grenzenlos, was ma da verspürt. Mir ham einfach in den Tag neiglebt und des geht. Des muß überhaupt nicht zu Diffamierungen oder Reibereien kommen, schauen Sie sich die Leute an wie an Gunter Sachs oder halt so Millionäre, die san heute in St. Tropez, morgen in Acapulco oder auf den Malediven, die werdn überall herzlich aufgenommen. Da hat man noch nie was von Integrationsschwierigkeiten gehört, obwohl die oft no mehr umanandziagn wie die Zigeuner. Das Zigeunertum is für mich genaugenommen nichts anderes als ein chronischer Liquiditätsengpaß heim Umherreisen. Und dann machen s' noch an Fehler: Um der gerichtlich anerkannten Beleidigungsform >Zigeuner< zu entgehen, nennen sie sich neuerdings Sinti oder Roma, des is doch Etikettenschwindel, eine direkte Begriffsvermummung. Man sagt ja auch nicht Sinti-Schnitzel oder Roma-Spieß oder der Sinti-Baron. Sondern eben wie's halt heißt. Da beißen sie sich fest an der Diskriminierung von Minoritäten, des kommt doch darauf an, wie sich diese Minoritälen benehmen, die Lappen san seßhaft gemacht worden, die Indianer leben im Reservat, die Eskimos in Wellblechhütten, der Neger im Ghetto und die Künstler san halt im Fernsehen. Und wenn der Indianer koa Rothaut gwesen war, sondern a ganz normaler Weißer, wie die andern auch, wär er ja gar net derschossn warn. --

Erich Kästner - Die andere Möglichkeit

So weit die scharfe Zunge reicht

Klaus Budzinski, Die Anthologie des deutschsprachigen Cabarets, Scherz Verlag, 1964

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
mit Wogenprall und Sturmgebraus,
dann wäre Deutschland nicht zu retten
und gliche einem Irrenhaus.

Man würde uns nach Noten zähmen
wie einen wilden Völkerstamm.
Wir springen, wenn Sergeanten kämen,
vom Trottoir und stünden stramm.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wären wir ein stolzer Staat.
Und preßten noch in unsern Betten
die Hände an die Hosennaht.

Die Frauen müßten Kinder werfen.
Ein Kind im Jahre. Oder Haft.
Der Staat braucht Kinder als Konserven.
Und Blut schmeckt ihm wie Himbeersaft.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wird der Himmel national.
Die Pfarrer trügen Epauletten.
Und Gott wär deutscher General.

Die Grenze wär ein Schützengraben.
Der Mond wär ein Gefreitenknopf.
Wir würden einen Kaiser haben
und einen Helm statt einem Kopf.

Wenn wir den Krieg gewonnen hätten,
dann wäre jedermann Soldat.
Ein Volk von Laffen und Lafetten!
Und ringsherum wär Stacheldraht.

Dann würde auf Befehl geboren.
Weil Menschen ziemlich billig sind.
Und weil man mit Kanonenrohren
allein die Kriege nicht gewinnt.

Dann läge die Vernunft in Ketten.
Und stünde stündlich vor Gericht.
Und Kriege gäb's wie Operetten.
Wenn wir den Krieg gewonnen hätten -

Zum Glück gewannen wir ihn nicht!