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Ludwig Hirsch

* 28. Februar 1946 † 24. November 2011

Komm großer schwarzer Vogel

Komm großer schwarzer Vogel, komm jetzt!
Schau, das Fenster ist weit offen,
Schau, ich hab’ Dir Zucker aufs Fensterbrett g’straht.

Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir!
Spann’ Deine weiten, sanften Flügel aus
und leg’s auf meine Fieberaugen!
Bitte, hol’ mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein,
in a neue Zeit, in a neue Welt.
Und ich werd’ singen, ich werd’ lachen,
ich werd’ “das gibt’s net”, schrei’n,
weil ich werd’ auf einmal kapieren
worum sich alles dreht.

Komm großer schwarzer Vogel, hilf mir doch!
Press’ Deinen feuchten, kalten Schnabel auf
meine Wunde, auf meine heiße Stirn!

Komm großer schwarzer Vogel,
jetzt wär’s grad günstig!
Die anderen da im Zimmer schlafen fest
und wenn wir ganz leise sind,
hört uns die Schwester nicht?
Bitte, hol mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein,
in a neue Zeit, in a neue Welt.
Und ich werd’ singen, ich werd’ lachen,
ich werd’ “das gibt’s net”, schrei’n,
weil ich werd’ auf einmal kapieren
worum sich alles dreht.

Ja, großer schwarzer Vogel, endlich!
Ich hab’ Dich gar nicht reinkommen g’hört,
wie lautlos Du fliegst mein Gott,
wie schön Du bist!

Auf geht’s, großer schwarzer Vogel, auf geht’s!
Baba, ihr meine Lieben daham!
Du, mein Mädel, und du, Mama, baba!
Bitte, vergesst’s mich nicht!

Auf geht’s, mitten in den Himmel eine,
nicht traurig sein, na, na, na ist kein Grund zum Traurigsein!
Ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ “das gibt’s net” schrei’n.
Ich werd’ endlich kapieren, ich werd’ glücklich sein!
Ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ “des gibt’s net” schrei’n.
Ich werd’ endlich kapieren, ich werd’ glücklich sein!
Ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ endlich glücklich sein!

Für wen wir singen

Quartett '67: Hanns Dieter Hüsch, Wolfgang Neuss, Dieter Süverkrüp, Franz Josef Degenhardt

Ich singe nicht für euch,
ihr, die ihr eure Riemen enger schnallt,
wenn es um Höheres geht.
Ihr, bis zum Rand voller Gefühlsmatsch,
ihr, die ihr nichts so haßt
wie eure eigenen verschwärten Leiber,
die ihr euch noch in Fahnen wickelt,
Hymnen singt,
wenn euch der Strahlengürtel schnürt.
Und nicht für euch,
ihr high-life-Spießer mit der
Architektenideologie,
ihr frankophilen Käselutscher,
ihr, die ihr nichts so liebt
wie eure eignen parfümierten Pöter,
ihr, die ihr euch nicht schämt
den Biermann aufzulegen,
weil der so herrlich revolutionär ist.
Nein, für euch nicht.

Ich singe nicht für euch,
ihr vollgestopften Allesfresser mit der
Tischfeuerzeugkultur.
Ihr, die ihr eure Frauen so wie
Steaks behandelt und vor
Rührung schluchzt, wenn eure fetten Köter
sterben. Die ihr grinst, wenn ihr an
damals denkt,
wie über einen Herrenwitz.
Und nicht für euch,
die ihr nur lebt, weil hier zuviel
und anderswo zuwenig Brot
herumliegt. Tempelstufenhocker,
ihr, die ihr nichts so liebt
wie eure eignen ungewaschnen Bäuche,
die ihr mit blödem
Haschisch-Lächeln eure
gesetzlosen Gesetze vor euch hin lallt.
Nein, für euch nicht.

Ich sing für euch,
die ihr die feige Weisheit eurer Heldenväter
vom sogenannten
Lauf der Welt in alle Winde schlagt
und einfach ausprobiert,
was richtig läuft. Die ihr den Lack, mit dem
die Architekten überpinseln,
runterbrennt
von allem rissigen Gebälk.
Für euch,
die ihr die fetten Köter
in die Sümpfe jagt, nicht schlafen könnt,
wenn ihr an damals denkt, und alle
Allesfresser schnarchen hört
und nicht auf Tempelstufen hocken wollt,
solang der Schlagstock noch
die weiße Freiheit regelt,
Napalm noch die Speise für die Armen ist,
ich sing für euch.